Kaunertaler Gletscher im Oktober 2016

Schon über zehn Jahre ist es her, dass ich zweimal im Sommer den Kaunertaler Gletscher besucht habe. Erstmals 2004 auf der Sommertour mit FF, dann noch einmal 2005 für die Besteigung der Weißseespitze. Beide Male habe ich mir fest vorgenommen, den Kaunertaler auch mal zum Ski fahren zu besuchen, allerdings konnte ich es nie in die Tat umsetzen.
Bis sich jetzt endlich eine Möglichkeit ergab. Etwas Herbstschnee hatte es bereits gegeben, nicht üppig zwar, aber ausreichend, die Depots waren verteilt und der Kaunertaler meldete – für die Jahreszeit bemerkenswert – eine geöffnete Abfahrt bis zur Ochsenalm auf 2100 m. Zudem war bestes Wetter angesagt. Also samstagabends auf nach Lindau, dort übernachtet (einmal mehr vielen Dank dafür an den Gastgeber!) und am nächsten Morgen auf ins Kaunertal.

Ich mag dieses Tal und diesen Gletscher. Das Tal deshalb, weil es landschaftlich außergewöhnlich schön ist und der Massentourismus hier noch recht wenig verschandelt hat – Stausee hin oder her. Und auch der Gletscher ist von vielen modernen Auswüchsen bisher verschont geblieben, was wohl vor allem seiner Abgelegenheit und seiner eher schwierigen Topographie geschuldet ist, die – bisher jedenfalls – kaum nennenswerten Ausbau zugelassen hat.
Nach der Ersterschließung 1980 mit Weißsee-Schlepplift und Karlesspitzlift sowie Doppelsesselbahn Wiesjaggl (1981) werden 1989 der Bereich Nörderjoch (I und II) erschlossen und 1991 bzw. 1994 die kuppelbaren Ochsenalm-Sessellifte erstellt. Der kurzzeitige Versuch mit dem Schlepplift Nörderjoch III scheitert an den Gletscherbewegungen, so dass dieser Lift fortan als Falginlift neu aufgestellt wird. Erst 1998 dann die Doppelung des Weißseeliftes durch eine Parallelanlage. Im selben Zeitraum wird die Idee, den Westgrat der Weißseespitze ab Bergstation der Weißseelifte mit einem Sessellift zu erschließen, von den Behörden nicht genehmigt. Statt dessen muss die Wiesjaggl-Sesselbahn erst stillgelegt und im Sommer 2004 schließlich sogar ganz abgebaut werden, weil der Bodenabstand durch die Abschmelzung des Gletschers zu hoch wird.
Um die selbe Zeit rückt das Projekt Weißseespitze mit Erschließung Gepatschferner in den Fokus, das bereits seit der Ersterschließung des Skigebiets immer wieder als Projekt im Pistenplan auftaucht. Zudem geistern erste Ideen einer Zubringerbahn aus dem Langtauferer Tal durch die Presse. Doch das Projekt Weißseespitze scheitert letztlich, sowohl als Skigebietserweiterung mit zwei Schleppliften am Gepatschferner als auch als reine Ausflugsbahn nur für Sommertouristen, nachdem 2011 höchstrichterlich festgestellt wird, dass es zunächst einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden muss, bei der es wohl keine Chance hat. Eine Erweiterung ab der Ochsenalm nach unten ins Fernergrieß verschwindet schnell wieder in der Schublade und auch um die Anbindung aus dem Langtauferer Tal wird es bald wieder ruhig, wohl auch, weil dem chronisch klammen und mehrfach durch öffentliche Mittel geretteten Skigebiet auch nach der Übernahme der Mehrheit durch die Nachbarn aus dem Pitztal 2006 die notwendigen Finanzmittel fehlen.
Einzige signifikante Änderung am Kaunertaler Gletscher ist 2008 der Bau einer 8er-Gondel als Ersatz des Karlesspitzliftes. Seither herrscht weitgehend Stillstand, während anderswo munter die Millionen vergraben werden. Schlimmer noch, nach einer Lawine im April 2015 muss der Schlepplift Nörderjoch II abgebaut werden – wie sich abzeichnet, wohl ersatzlos. Dafür wird seit einiger Zeit wieder munter für die Anbindung des Langtauferer Tals geworben, deren Finanzierung angeblich gesichert ist. Und auch das Projekt Weißseespitze ist immer noch im Pistenplan eingezeichnet.

Nun also mein erster Besuch im Kaunertal als Skifahrer. Wir parken unten an der Ochsenalm, wo noch genügend Platz ist an diesem Sonntagmorgen gegen 9 Uhr. Dass man die Skipässe aus dem Auto heraus an der Mautstelle kaufen kann, finde ich äußerst praktisch. Zumal weil dort wenig los ist, nur ein oder zwei Autos sind vor uns. Kein Gedränge an irgendwelchen überlasteten Kassenschaltern, alles geht ruhig und entspannt zu. Selbstverständlich gibt es auch an der Sesselbahn keine Wartezeiten, die Liftkapazität passt zum trotz bestem Wetter nicht vorhandenen Andrang.
Leider liegt ein Großteil des Gletschers um diese Jahreszeit morgens noch im Schatten. Nur der Bereich Karlesspitz bekommt um diese Zeit etwas Sonne ab. Dies und die Tatsache, dass es sich bei der Gondel um die modernste und bequemste Anlage am Gletscher handelt, sorgt dafür, dass es hier zu kurzen Wartezeiten kommt. Aber was sind 2-3 Minuten anstehen, wenn es dafür genug Platz gibt auf der Piste? Ich kann jedenfalls gut damit leben. So wechseln wir erst nach ein paar Fahrten mit der Gondel zum ersten Mal zu den Weißseeliften, die heute die einzige Alternative sind, weil der Bereich Nörderjoch noch geschlossen ist. Bemerkenswert ist der Steilhang im letzten Stück vor der Bergstation. Ich glaube nicht, dass diese Trasse noch lange so bleiben kann, denn anfänger- und snowboardertauglich ist dieses Stück sicher nicht mehr. Entsprechend steigt auch mancher vorher aus. Und mit zunehmender Gletscherschmelze wird der Hang an dieser Stelle wahrscheinlich noch steiler werden in den nächsten Jahren, so dass die Tage der Schlepplifte vermutlich bald gezählt sind.
Später fahren wir auch das eine oder andere Mal zur Mittelstation der Ochsenalmbahn ab. Dank Depotschnee befindet sich die Abfahrt in einem für die Jahreszeit bemerkenswert guten Zustand. Freilich sind die Verhältnisse nicht vergleichbar mit den perfekten Pisten an der Karlesspitzbahn, es ist teilweise sehr hart und eisig, aber es befindet trotz des felsigen Untergrundes kein Steinchen auf der Piste.
Beim Mittagessen beobachten wir den Abgang einer Lawine vom Bereich des Westgrates der Weißseespitze in den Trainingsbereich der Stangenfahrer. Ein Rettungshubschrauber rückt an, etwas später auch ein Hubschrauber der Alpinpolizei mit einem Suchhund. Wie später entsprechenden Medienberichten zu entnehmen ist, gibt es aber zum Glück keine Verschütteten. Und auch die Stangenfahrer lassen sich nicht abhalten und trainieren munter weiter.
Wir beenden unseren Skitag bald darauf, setzen uns noch ein bisschen an der Ochsenalm in die Sonne und treten früh die Heimreise an.

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