Naturschneelos in Ischgl im Dezember 2014

Ischgl – länger nicht mehr da gewesen. Zuletzt 2003, wenn meine Aufzeichnungen nicht lügen – und abgesehen von einem eher misslungenen Versuch im April 2012, über den ich seinerzeit hier berichtet habe. Nun also stand ein verlängertes Wochenende an unter dem Arbeitstitel „Après-Ski-Seminar“. Eine gute Gelegenheit, sich anzusehen, wie sich das Skigebiet in den letzten Jahren verändert hat.
Als ich 1995 zum ersten Mal in Samnaun war, hatte gerade die große KSB-Modernisierungswelle begonnen. Auf der Alp Trida waren im Sommer ’94 die Flimsattelbahn neu und die Visnitzbahn als Ersatz für einen Schlepplift gebaut worden. Ischgl hatte schon 1993 die Flimjochbahn neu gebaut, um die parallel verlaufende 3KSB zum Idjoch (1980) zu entlasten. Außerdem war die Höllspitzbahn neu. Die Gampenbahn (1988) stand dagegen schon ein paar Jahre. Aber das war alles an KSBs – schlappe vier Stück in Ischgl und zwei in Samnaun. Davon vier neu.
Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Selbst die letzen Übungslifte auf der Idalpe sind inzwischen kapazitätsstarke KSBs geworden, mit Bubbles und Sitzheizung versteht sich. Teilweise auch mit lackierten Gehängearmen wegen des Designs. Sämtliche Zubringerbahnen wurden erneuert, der Bereich Grivalea (Samnaun) und natürlich der Piz Val Gronda nach langem Streit neu erschlossen. Vorläufiger Höhepunkt im letzten Sommer der Neubau der Pardatschgratbahn als 3S. Und wie man hört, soll es nicht die letzte Bahn dieser Art gewesen sein.
Ischgl wirbt damit, in den letzten 10 Jahren 259 Millionen Euro in sein Skigebiet investiert zu haben (standesgemäß auf großen Flatscreens über den Einstiegen der Sesselbahnen). Ich habe leider keine Vergleichszahlen aber ich glaube nicht, dass das irgendwo übertroffen wird. Aber nicht nur bezüglich der Investitionen, auch bezüglich Umsatz ist die Silvretta Seilbahn AG ganz vorne mit dabei – Jahresumsatz 2013 65 Millionen Euro [1], deutlich vor Konkurrenten wie der Bergbahn AG Kitzbühel (40 Mio.) oder den Arlberger Bergbahnen (38 Mio.), die in Tirol die Plätze zwei und drei belegen. Zum Vergleich: SETAM Val Thorens 60,9 Mio. Umsatz in 2013, SAP La Plagne 69,5 Mio. und Chamonix als Marktführer in Frankreich 75 Mio. Euro [3].

In diesem Dezember ist die Schneelage leider nicht so gut wie damals im Februar 1995. Im Grunde genommen muss man froh sein, dass überhaupt ein paar Abfahrten offen sind, was vor allem der leistungsstarken Beschneiungsanlage zu verdanken ist. Anderswo herrscht Stillstand, Ischgl kann in fast jedem Bereich des Skigebiets Abfahrten anbieten. Bei den Liften herrscht nahezu Vollbetrieb. Und das, obwohl neben den Pisten teilweise nicht einmal eine geschlossene Schneedecke liegt. Dafür ist das Wetter gut, als wir an diesem Freitagmorgen in Ischgl eintreffen. Der Föhnsturm hat sämtliche Wolken vertrieben.

Wir starten mit dem Funitel, wo es selbst an diesem Freitag in der Vorsaison um 10 Uhr morgens nicht ganz ohne Wartezeiten geht. Ob das dem eingeschränkten Betrieb in den anderen Skigebieten geschuldet ist? Man wird das Gefühl nicht los, dass alles nach Ischgl drängt in diesen Tagen.

Die Sonne scheint morgens in Samnaun, also ab in die 8-KSB und dort hin.

Aufgrund des eingeschränkten Angebots – Visnitz läuft erst einen Tag später, Grivalea/Alp Bella sind noch ganz zu – wechseln wir aber via Greitspitze gleich wieder hinüber auf die Ischgler Seite.

Während manche bis zu 45 Minuten an der Silvrettabahn zur Talfahrt anstehen, entscheiden wir uns, die offiziell noch gesperrte aber schon gut beschneite Talabfahrt zu nehmen und zur Mittelstation abzufahren. Dort steigen wir nach kurzer Wartezeit in die Fimbabahn ein.

Am nächsten Tag hat nun auch die Visnitzbahn offen. Allerdings ist die Piste abschnittsweise nicht gerade in bestem Zustand. Ganz ohne Steine geht es hier wie auch an vielen anderen Stellen im Skigebiet nicht.
Auch die Gampenbahn wird erstmals in dieser Saison geöffnet und bietet im mittleren Teil eine hervorragende Abfahrt – vielleicht die beste dieses Wochenendes. Leider ist der untere Teil dafür sehr hart und eisig. Bei dieser Abfahrt sehe ich auch zum ersten Mal die Pendelbahn zum Piz Val Gronda.

Ich bin definitiv ein Fan solcher Bahnen. Meines Erachtens ist ein Skigebiet erst dann vollwertig, wenn es eine Pendelbahn auf einen exponierten Aussichtsgipfel besitzt. Pic Blanc, Cime de Caron, Aiguille Rouge, Grande Motte, Kleinmatterhorn, Gemsstock, Titlis, Parpaner Rothorn, Weissfluh, Valluga, Kitzsteinhorn, Dachstein, Marmolada, Pordoi und so weiter – Ischgl darf sich jetzt also dazu zählen zu dieser illustren Reihe. Zumindest ein bisschen, denn so ein wirklich exponierter Aussichtsgipfel ist der Val Gronda ja nicht.
Auch optisch gefällt mir die neue Bahn ausgezeichnet. Ich mag Stationen in offenem Stahlbau wie am Caron in Val Thorens, an der Aiguille Rouge in Les Arcs oder an der Grande Motte in Tignes. Wie viel altes Know How von Habegger wohl noch in dieser Bahn zum Einsatz gekommen sein mag?

Trotzdem steht die Bahn meines Erachtens relativ sinnlos an dieser Stelle in der Landschaft herum. Freilich war ich nicht oben und bin nicht herunter gefahren denn selbstredend ist sie außer Betrieb an diesem Tag. Die Schneelage lässt eine Präparierung der Piste nicht zu, Variantenfahren kann man ohnehin vergessen und Beschneiung bzw. Pistenbau wurden zu recht verboten. Skifahrerisch würde aber nicht viel fehlen, wenn man die Bahn nicht gebaut hätte. Es bleibt ein Prestigeobjekt und ich bin sehr gespannt, wann seitens der Liftgesellschaft die ersten Rufe nach weiterem Ausbau laut werden, weil sich die Bahn auch betriebswirtschaftlich nicht lohnt.

Was bleibt nun als Fazit? Vom Hocker haut mich das Skigebiet von Ischgl im Jahr 2014 jedenfalls nicht mehr. Ein bisschen lag es aber sicherlich auch an den schwierigen Bedingungen. Ich mag nun mal keine abgefahrenen Kunstschneepisten. Und ich habe gern Platz auf der Piste. Vielleicht sollte man mal an einem schönen Märztag hinfahren, bei viel Schnee und wenig Andrang. Dann lohnt sich vielleicht auch der Val Gronda. Ob ich aber dafür dann wirklich bereit wäre, EUR 49,50 für die Tageskarte zu zahlen, müsste ich mir schon gut überlegen. Dagegen waren die EUR 114,50 für drei Tage in der Vorsaison fast schon geschenkt.
Trotzdem alles in allem ein gelungenes Wochenende, denn Ischgl bietet bekanntlich nicht nur Möglichkeiten zum Ski fahren. Ich werde die weitere Entwicklung gespannt beobachten. Und wenn sich eine Gelegenheit bietet, fahre ich wohl auch mal wieder hin. Allein schon wegen der Erinnerung.

[1] Geschäftsbericht Silvretta Seilbahn AG 2013
[2] eco.nova, Top 500 Tiroler Unternehmen 2014, http://issuu.com/eco.nova/docs/top500_liste2014
[3] Liste der Zeitschrift „Montagne Leaders“, No. 245 (Sept./Okt. 2014)

Ein Gedanke zu „Naturschneelos in Ischgl im Dezember 2014

  1. na ja, über eine Kunstschneepiste zu motzen, wenn man außer aufm Gletscher oder in Obergurgl nirgends im weiten Umkreis vernünftig fahren kann, finde ich schon mehr als frech …

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