La Grave – paradisiaque [2008]

„Im südlichen Teil der Alpen, zwischen Grenoble und Turin, erhebt sich deren wildestes Revier: ein von Zyklopenhand zertrümmertes, von zerfetzten Eiswällen umlagertes Granitgebirge: der Dauphiné – in der Barre des Écrins bis 4102 m ansteigend. Der Fortschritt hat noch nichts verdorben an dieser Landschaft, sie ist unversehrt und bedeutet für den an Leib und Seele unversehrten Bergsteiger das Gelobte Land schlechthin.“

Mit diesen Worten begann Walter Pause 1958 die Beschreibung einer zweitägigen Skitour vom 1474 m hoch gelegenen Dörfchen La Grave auf den 3568 m hohen Dôme de la Lauze, versehen mit dem Hinweis „Nur für hochalpin sehr erfahrene Bergsteiger“. Der Kontext hat sich geändert in den vergangenen 50 Jahren, doch im Grunde gelten die eingangs zitierten Sätze bis heute unverändert. Es genügt, aus dem Bergsteiger einen Skifahrer oder besser gleich einen Freerider zu machen.
Schon die Anfahrt ist interessant. Von Grenoble her kommend, führt uns die D 1091 am Vorabend zunächst kaum ansteigend durch die Vorberge nach Osten in Richtung Briançon. Kurz vor Bourg d’Oisans öffnet sich das nun schon tief eingeschnittene Tal zu einer breiten Ebene, aber noch deutet überhaupt nichts auf vergletscherte Viertausender hin, wir befinden uns erst auf 700 m. Dann, urplötzlich, biegt der Weg ab in eine steile Schlucht, windet sich jetzt stärker ansteigend an schroffen Felswänden entlang. Tief unten ließe sich das Flüsschen Romanche selbst bei Tageslicht nur noch erahnen, das Wasser hat sich zu tief in den Berg eingeschnitten. Nach wenigen Kilometern sind an der Staumauer des Lac du Chambon bereits 1000 m überschritten. Das gelb-orangene Licht der Natriumdampflampen taucht die Kraftwerksinfrastruktur bei Nacht in ein diffuses Licht. Hier wird über die Staumauer die Talseite gewechselt. Rechts zweigt eine breite Straße ab nach Mont de Lans und weiter hinauf nach Les Deux Alpes. Wir aber fahren weiter geradeaus durch die stockdunkle Nacht, durch roh in den Fels gehauene Tunnels am Stausee entlang. Rechts geht es steil hinunter zum See, links der Straße geht es ebenso steil hinauf. Vom Département Isère wechseln wir, ohne einen Hinweis darauf zu erhalten, hinüber ins Département Hautes-Alpes. Dann endlich Lichter in der Dunkelheit, das Tal ist wieder etwas breiter und wir erreichen ein Dorf. Ein unscheinbares Dorf auf den ersten Blick, kein hölzernes Schild heißt hier Besucher willkommen, kein Banner über der Straße wirbt für die Bergbahnen. Auch ist jetzt am Abend niemand mehr unterwegs.
Nach kurzer Zeit erblicken wir vor uns ein vergleichsweise riesiges, dunkles Gebäude mit hölzernen Balkonen, das sich schnell als das Hotel herausstellt, das Christian für uns reserviert hat. Wir parken, steigen aus und stellen fest, dass sich direkt gegenüber der Parkplatz und die Talstation der Seilbahn befinden.

Die Bedingungen sind ideal, als wir nach dem Frühstück am nächsten Morgen zu einem neuen Abenteuer aufbrechen. Es ist kalt im schattigen Tal, so dass der Atem gefriert. Nur die Gipfel ringsum, dominiert von der 3983 m hohen Meije, glänzen bereits in der Sonne. La Grave ist anders als andere Orte, bewusst und gewollt anders, was sich schon am Parkplatz vor der Seilbahn zeigt. Ein großes Hinweisschild warnt hier, wie an der Punta Helbronner, vor alpinen Gefahren. Über die aktuellen Bedingungen informiert eine Tafel, und zusätzlich steht ein eigens abgestellter Mitarbeiter der Bergbahnen bereit, der weitere Fragen beantwortet. Aus einem Gespräch mit anderen Gästen am Vorabend wissen wir, dass die Abfahrtsrouten allesamt gut eingefahren sind, was nicht verwundert, da es seit mehreren Wochen nicht geschneit hat in dieser Gegend. Wir kennen den ungefähren Verlauf der Routen und die wichtigsten Orientierungspunkte im Gelände. Wir wissen aber auch, dass es einige Tage zuvor einen tödlichen Unfall gegeben hat, weil zwei Skifahrer, die aus dem nahen Les Deux Alpes herüber kamen, den falschen Spuren gefolgt waren. Eine unmissverständliche Warnung, sich nicht unvorbereitet in dieses Gelände zu begeben.
Nach einigen Minuten öffnet sich die Tür zur Seilbahn für die erste öffentliche Bergfahrt an diesem Tag. Schnell mache ich ein paar Fotos, bevor wir uns in eine der fünf hintereinander angeordneten Sechserkabinen zwängen.

Gut zwanzig Minuten später verlassen wir die Bergstation am Col des Ruillans auf 3211 m und betreten eine andere, eine eisige Welt. Vor uns liegt ein weites Gletscherbecken mit Eisbrüchen und Séracs, das links von steilen Felswänden begrenzt wird. Rechts oben, schon in der Sonne, glänzt das Gletscherplateau des Glacier de Girose. Dazwischen zieht sich, noch im Schatten, eine Schleppliftspur zum 3568 m hohen Dôme de la Lauze. Ein fesselnder Anblick, der jeden Liebhaber der Gebirgswelt sofort in seinen Bann ziehen muss. Ich schweige und staune, während vom angrenzenden Restaurant her eine wohlbekannte Melodie an meine Ohren dringt, die aber komischerweise heute etwas fremdartig klingt. Als ich das Lied erkenne, kann ich ein leises Grinsen nicht unterdrücken.

Nach einer kurzen Pause steigen wir ein paar Meter hinauf zum Einstieg der vermutlich abenteuerlichsten Schleppliftkonstruktion der Alpen. Die beiden Schlepplifte TK Trifides und TK Girose sind eigentlich eine einzige Anlage mit Dieselantrieb ab der Talstation. Während die Stützen der unteren Sektion an einer Felswand angebracht sind, läuft die obere Sektion frei an zwei Tragseilen aufgehängt über den Gletscher bis hinauf zum 3568 m hohen Dôme de la Lauze. Hier auf dem Gletscher befinden sich die einzigen präparierten und gesicherten Pisten. Wir fahren uns ein bisschen ein, aber noch ist es schattig und damit eisig kalt hier oben. Möglicherweise macht sich auch die Höhe ein bisschen bemerkbar, so dass wir beschließen, eine kurze Aufwärmpause auf der Sonnenterrasse bei der Bergstation einzuschieben, wo mittlerweile Musik von Deep Purple aus den Boxen schallt.

Als wir wieder etwas aufgewärmt sind, machen wir uns daran, das Gelände unterhalb der Seilbahnbergstation zu erkunden. Unter der Seilbahn hindurch geht es auf die Route zum Refuge Chancel. Trotz Mitte Februar hat es wochenlang nicht geschneit, so dass das Gelände zu einer einzigen, breiten Buckelpiste ausgefahren ist. Die Schneelage ist insgesamt nicht besonders gut, so dass überall kleine Felsinseln auftauchen, die es zu umfahren gilt. Dennoch ist der Schnee wunderbar griffig, wie es nur unpräparierter Naturschnee zu sein vermag. Wir halten uns talwärts gesehen links, um nicht aus Versehen in den Steilrinnen zum See hinunter zu landen und machen immer wieder kurze Pausen, um die Szenerie auf uns wirken zu lassen. Natürlich strengt so eine Buckelpiste auch deutlich mehr an als ein glatt planierter Pistenteppich.
Unterhalb des Refuge Chancel, das wir links am Hang liegen lassen, ist nun zum ersten Mal Ortskenntnis gefragt. Es gilt, die Querung hinüber zur Station P1 zu finden, um nicht in der Felswand zu landen. Es soll zwar irgendwo im Wald eine Schnur gespannt sein, sozusagen als letzte Warnung, wenn man aber auf diese Schnur trifft ist man eigentlich schon zu weit unten und muss wieder aufsteigen. Einige spärliche Wegweiser gibt es jedoch, so dass wir den gesuchten Weg problemlos finden. Der Begriff „Weg“ ist wiederum noch recht schmeichelhaft, denn hier im Wald sind die Buckel nun wirklich weit über Hüfthöhe und man kommt trotz des Schattens ziemlich ins Schwitzen. Als bekennender Fan von Buckelpisten habe ich hier das wohl anspruchsvollste Exemplar meines bisherigen Skifahrerlebens unter den Brettern.
Nach einiger Zeit erreichen wir die Trasse der Seilbahn und fahren die letzten Meter hinunter zur Seilbahnstation.

Die Seilbahn von La Grave ist bis heute ein Unikum. Erste Ideen für den Bau gehen bis ins Jahr 1958 zurück. 1963 werden die ursprünglichen Pläne einer Bahn zum Dôme de la Lauze zugunsten der heutigen Variante aufgegeben. Allerdings dauert es noch Jahre, bis Geldgeber gefunden sind um die notwendigen 21,2 Millionen Francs zu finanzieren. Und erst mit den Ideen von Seilbahnkonstrukteur Denis Creissels gelingt es, die technischen Probleme für den Bau der Bahn zu lösen. So soll zunächst eine kuppelbare Zweiseilumlaufbahn geplant gewesen sein. Um die Kosten zu reduzieren, entschied man sich angeblich erst später für eine fix geklemmte Gruppenumlaufbahn, deren Seilbahntechnik vom deutschen Hersteller PHB geliefert wurde.
Es dauert bis 1976, bis die erste Sektion der neuen Seilbahn in Betrieb gehen kann. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Noch im November des selben Jahres legt ein Bombenanschlag die Bahn wieder lahm und reißt ein erstes Finanzloch in die Kassen der Betreiber. Die Hintergründe dieses Anschlags sind bis heute unklar. Zwei Jahre später, am 13. März 1978, kann endlich die zweite Sektion bis zum Col des Ruillans auf 3200 m eröffnet werden.
Ernsthafte Schwierigkeiten gibt es 1986. Die Aufsichtsbehörde lässt die Bahn still legen, weil das Tragseil Schäden aufweist und gewechselt werden muss und die Bergungseinrichtungen nicht ausreichen, um im Notfall eine sichere Evakuierung der Fahrgäste zu gewährleisten. Streitereien kommen auf, weil ein Teil der kommunalen Geldgeber die Bahn für schlecht geplant und schlecht geführt hält. Als im Mai 1987 noch immer keine Lösung gefunden ist, tritt Konstrukteuer Denis Creissels höchstselbst auf den Plan und kündigt an, die Seilbahn zurückzukaufen – „aus Stolz“, wie er sagt, und wohl auch um zu beweisen dass sein Konzept durchaus funktioniert. Und mehr noch, Creissels will „den Geist des Pulverschnees bewahren“ und nur die Auslastung der Bahn (und damit ihre Rentabilität) erhöhen, nicht aber ihre Förderkapazität. Er ist schon zu dieser Zeit der Ansicht, dass die Zukunft von La Grave nicht in einer klassischen Skistation mit präparierten Pisten zu suchen ist. Zwei Jahre später nehmen die Skilifte am Glacier de Girose ihren Betrieb auf und die Verbindung mit Les Deux Alpes wird hergestellt. Für kurze Zeit gibt es 1992 Sommerskilauf, der aber aus Schneemangel und aufgrund von Schwierigkeiten beim Betrieb der Lifte bald wieder eingestellt wird. Ungefähr zur selben Zeit wird La Grave, ähnlich wie Alagna, von der aufkommenden Freeriderbewegung als ruhige Alternative zum überlaufenen Chamonix entdeckt.

Wieder oben angekommen, nehmen wir unmittelbar die andere Hauptroute in Angriff. Die Vallons de la Meije gelten als etwas anspruchsvoller als die Chancel-Route, hier ist es im oberen Bereich deutlich steiler und es gibt mehr Abfahrtsvarianten als auf der anderen Seite. Im unteren Bereich geht es dann durch ein sanftes Hochtal direkt unter den eisigen Felswänden der Meije entlang bis zur Waldgrenze, von wo erneut eine buckelige Querung zur Station P1 hinüber führt.
Die Vallons machen trotz fehlendem Tiefschnee großen Spaß an diesem Tag, man kann quasi alles fahren, es gibt im oberen Abschnitt teilweise gar keine ausgesprochene Hauptroute. Es sind aber immer irgendwo Leute unterwegs, an denen man sich orientieren kann. Nur im unteren Teil ist wieder Vorsicht vonnöten, um den richtigen Abzweig zu finden.

Nach dieser Abfahrt ist Mittagspause angesagt. Anschließend fährt Oli noch schnell die Route zur Mittelstation 2400, während Gerrit und ich noch ein bisschen die Sonne genießen. Später fahren wir noch einmal mit den Schleppliften hinauf zum Gipfel, drehen noch eine genüssliche Runde über die dortigen Pisten und steigen schließlich zum Ende des Tages noch die wenigen Meter hinauf auf das Gletscherplateau in Richtung Deux Alpes. Und trotz des geringen Höhenunterschieds bietet sich hier oben noch einmal ein vollkommen anderes, unglaubliches Panorama. Wir erkennen die Barre des Ecrins östlich von uns und viele unbekannte Felsriesen, die sich aus dem tief eingeschnittenen Tal emporheben. Durch sie hindurch, viel näher als gedacht und doch weit über 100 km entfernt, ein Nebelmeer über der Provence, aus dem einsam ein Höhenrücken herausragt: Der berühmt-berüchtigte Mt. Ventoux. Ganz am Horizont, zwischen Nebelmeer und Himmel, ein Streifen der eine Nuance dunkler ist und erst später auf unseren Fotos deutlich erkennbar wird. Es ist das Mittelmeer, in über 200 km Entfernung. Natürlich ist auch das Panorama nach Norden beeindruckend, kann aber mit dem Südblick meines Erachtens nicht konkurrieren. Der Mont Blanc, die Grandes Jorasses und dazwischen der Einschnitt mit der Punta Helbronner, wo wir tags zuvor unterwegs waren, die Gipfel der Vanoise mit der Grande Casse und einem auch vor Ort deutlich identifizierbaren Glacier de Chavière.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort oben sind – eine halbe Stunde, vielleicht auch eine ganze. Mir kommt es im Nachhinein vor, als ob es nur fünf Minuten gewesen wären, und wie üblich kann ich mich nur schwer von diesem unglaublich beeindruckenden Ausblick trennen. Doch irgendwann müssen wir aufbrechen, immerhin liegt noch eine Abfahrt von 2150 Höhenmetern vor uns, die mit Ausnahme des kurzen, gewalzten Abschnitts oben bei den Schleppliften eine einzige, lange Buckelpiste ist. Wir entscheiden uns noch einmal für die einfachere Chancel-Route, die uns im Abendlicht quasi alleine gehört. Gerrit und ich kapitulieren bei Station P1 und nehmen für den letzten, ohnehin schneearmen Abschnitt die Seilbahn. Ich habe so viele Eindrücke gesammelt über den Tag und will auf den letzten Metern nichts mehr herausfordern. Oli lässt sich die Talabfahrt jedoch nicht nehmen. Wir treffen uns wieder bei der Talstation, wo ein beeindruckender Tag zu Ende geht.

Links:
„Südblick am Dôme de la Lauze“ auf alpen-panoramen.de

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